Am 4. September 2026 lud der Liberale Klub zu einer Veranstaltung in die Industriellenvereinigung Wien. Dr. Ralph Schöllhammer und Bürgermeister Dr. Andreas Rabl aus Wels beleuchteten die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen Österreichs und diskutierten Ansätze zur langfristigen Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit, Industrie und Standortqualität.
Herr Dr. Schöllhammer stellte die wirtschaftliche Situation Österreichs zunächst in einen internationalen Kontext. Im Mittelpunkt standen die schwache Wachstumsdynamik, anhaltender Preisdruck und die Gefahr einer Stagflation. Gleichzeitig hob er die besondere Bedeutung der zahlreichen Hidden Champions sowie kleiner und mittlerer Unternehmen hervor, die ein wesentliches Rückgrat der österreichischen und mitteleuropäischen Wirtschaft bilden.
Ein Schwerpunkt seines Vortrags lag auf der Reformfähigkeit von Staaten und Wirtschaftsstandorten. Anhand internationaler Beispiele zeigte Herr Dr. Schöllhammer auf, dass wirtschaftspolitische Veränderungen grundsätzlich möglich sind, wenn der entsprechende politische Wille vorhanden ist. Kritisch thematisierte er insbesondere lange Genehmigungsverfahren, zunehmende Bürokratie sowie schwierige Rahmenbedingungen für Industrie- und Infrastrukturprojekte. Wels führte er dabei als Beispiel dafür an, dass Reformen auf kommunaler Ebene erfolgreich umgesetzt werden können.
Weitere Schwerpunkte waren Energiepolitik, Reindustrialisierung und strategische Abhängigkeiten. Herr Dr. Schöllhammer betonte, dass industrielle Produktions- und Verarbeitungskapazitäten wieder stärker als strategischer Faktor betrachtet werden müssten. Abhängigkeiten bei Halbleitern, Rohstoffen, Raffineriekapazitäten oder Rechenzentren seien längst nicht mehr ausschließlich wirtschaftliche, sondern zunehmend auch geopolitische Fragen.
Herr Dr. Schöllhammer verwies in diesem Zusammenhang auf die zunehmende Verflechtung von Wirtschafts-, Industrie- und Geopolitik. Aus seiner Sicht müsse Europa stärker berücksichtigen, welche industriellen, energetischen und technologischen Kapazitäten für die eigene wirtschaftliche und strategische Handlungsfähigkeit von Bedeutung sind.
Oberösterreich: starke Basis, aber nachlassende Dynamik
Bürgermeister Dr. Andreas Rabl richtete den Blick anschließend auf Oberösterreich und die Stadt Wels. Oberösterreich verfüge weiterhin über eine starke industrielle Basis, hohe Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie eine hohe Produktivität. Gleichzeitig zeige sich im europäischen Vergleich eine zunehmend problematische Entwicklung: Die Ausgangsposition sei weiterhin gut, die Dynamik des Standortes habe jedoch deutlich nachgelassen.
Als wesentliche Herausforderungen nannte Herr Dr. Rabl unter anderem steigende Lohnstückkosten, hohe Energiekosten, rückläufige Investitionen und lange Genehmigungsverfahren. Besonders problematisch sei, dass Unternehmen bestehende Standorte zwar weiterhin erhalten und modernisieren, neue Produktionskapazitäten jedoch zunehmend im Ausland entstehen. Dies könne zu einer schleichenden Deindustrialisierung führen.
Dabei bestehe ein enger Zusammenhang zwischen Produktion, Forschung und Innovation. Wo industrielle Produktion dauerhaft abwandere, bestehe langfristig auch die Gefahr, dass Forschung, Entwicklung und technologisches Know-how folgen.
Einen besonderen Stellenwert nahm die Energieversorgung ein. Der Strombedarf Oberösterreichs werde in den kommenden Jahren deutlich steigen – nicht zuletzt durch Elektrifizierung, neue industrielle Anwendungen und große Rechenzentren. Gleichzeitig würden der Ausbau der Netzinfrastruktur und die Umsetzung großer Infrastrukturprojekte durch langwierige Verfahren erschwert. Damit werde nicht nur der Energiepreis, sondern zunehmend auch die Verfügbarkeit von Energie und Infrastruktur zu einem entscheidenden Standortfaktor.
Als konkretes Beispiel nannte Herr Bürgermeister Dr. Rabl die Donaubrücke bei Mauthausen. Anhand des Projekts zeigte er auf, welche Auswirkungen lange Verfahren und umfangreiche Auflagen auf notwendige Infrastrukturprojekte haben können. Dabei verwies er unter anderem auf zusätzliche Schutzmaßnahmen für Spechte und Fledermäuse, die er als Beispiele für die Komplexität und Dauer derartiger Verfahren anführte. Für einen international wettbewerbsfähigen Industriestandort sei daher auch die Geschwindigkeit von Genehmigungs- und Infrastrukturverfahren von entscheidender Bedeutung.
KI, Demografie und eine moderne Verwaltung
Großes Potenzial sieht Herr Dr. Rabl in Künstlicher Intelligenz, Automatisierung und Digitalisierung. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels könnten neue Technologien dazu beitragen, die Produktivität zu steigern und dem demografisch bedingten Rückgang des Arbeitskräfteangebots zumindest teilweise entgegenzuwirken.
Auch in der öffentlichen Verwaltung könnten Prozesse zunehmend digitalisiert und durch KI unterstützt werden. Herr Dr. Rabl verwies dabei unter anderem auf mögliche Anwendungen in Bauverfahren, bei denen Prüfungen, Verfahrensvorbereitungen und Bescheide künftig stärker automatisiert werden könnten.
Damit verbunden sei langfristig auch die Frage, wie das Steuer- und Abgabensystem gestaltet werden müsse, wenn Wertschöpfung zunehmend durch Technologie und mit weniger menschlicher Arbeitskraft erbracht werde. Die hohe Belastung des Faktors Arbeit und mögliche Auswirkungen auf die Einnahmen der Gemeinden wurden dabei ebenfalls thematisiert.
Am Beispiel der Stadt Wels erläuterte Herr Dr. Rabl schließlich seinen Ansatz einer konsequenten Verwaltungs- und Strukturreform. Durch klare Prioritätensetzung, Effizienzmaßnahmen, eine Neuorganisation von Verwaltungsstrukturen und einen sparsamen Umgang mit öffentlichen Mitteln sei es gelungen, die finanzielle Situation der Stadt deutlich zu verbessern und gleichzeitig gezielt in Infrastruktur, Kinderbetreuung, Parkanlagen und weitere kommunale Projekte zu investieren.
Entscheidend sei dabei auch ein Kulturwandel in der Verwaltung: Im Mittelpunkt solle nicht die Frage stehen, warum etwas nicht möglich ist, sondern wie es möglich gemacht werden kann.
Reformen als zentrale Standortfrage
In der anschließenden Diskussionsrunde mit den Teilnehmern wurden unter anderem Schuldenbremse, Staatsausgaben, Pensionen, Klimapolitik, Energieversorgung, Steuersystem, Bildung und Standortpolitik vertieft. Dabei wurde mehrfach die Frage aufgegriffen, ob Österreich noch rechtzeitig zu umfassenden strukturellen Reformen in der Lage sei.
Über beide Vorträge und die Diskussion hinweg zeichnete sich ein klarer gemeinsamer Befund ab: Österreich befindet sich nicht nur in einer kurzfristigen konjunkturellen Schwächephase, sondern steht vor grundlegenden strukturellen Herausforderungen seines Wirtschaftsmodells.
Als zentrale Problemfelder wurden insbesondere steigende Arbeits- und Energiekosten, eine sinkende Investitionsdynamik, lange Genehmigungsverfahren, Bürokratie, der demografische Wandel, Defizite im Bildungsbereich, steigende Staatsausgaben sowie der mögliche Verlust industrieller Produktionskapazitäten identifiziert.
Gleichzeitig wurde die Situation ausdrücklich nicht als unumkehrbar dargestellt. Österreich verfüge weiterhin über starke Unternehmen, zahlreiche Hidden Champions, industrielle Kompetenz, Forschungskapazitäten und leistungsfähige Regionen. Die entscheidende Frage sei daher weniger, ob Reformen möglich sind, sondern ob der politische Wille besteht, sie rechtzeitig und konsequent umzusetzen.
Der gemeinsame Nenner der Veranstaltung lässt sich daher klar zusammenfassen: Österreich verfügt weiterhin über eine starke wirtschaftliche Ausgangsbasis, verliert jedoch an Dynamik. Um den Industriestandort langfristig zu sichern, braucht es strukturelle Reformen insbesondere bei Energie, Verwaltung, Steuern, Bildung, Pensionen und Infrastruktur. Wels wurde dabei als konkretes Beispiel dafür präsentiert, dass Veränderung möglich ist, wenn politische Entscheidungen konsequent umgesetzt werden.










